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Bernhard Grötschel Zurück Zur aktuellen Situation der Freien und angewandten Künste und sich daraus ergebende Konsequenzen für die Zukunft einer kunstpädagogischen Institution Vortrag vor der Freien Kunstschule Stuttgart, Oktober 2002"Die aktuelle Situation der Freien und angewandten Künste und sich daraus ergebende Konsequenzen für die Zukunft einer kunstpädagogischen Institution".
Ein großes Thema. Ich werde versuchen, mit ein paar Streiflichtern dieses gewaltige Thema so zu beleuchten, dass Sie sich ansatzweise ein Bild meiner Ansichten machen können. Zunächst möchte ich eine dicke Trennungslinie ziehen zwischen den Freien Künsten - wobei ich jetzt Musik und Literatur ausklammern möchte - und der angewandten Kunst. Eine Trennungslinie deshalb, weil mir eine Trennung mittlerweile immer wichtiger erscheint. Wichtiger deshalb, weil sie manchmal scheinbar gar nicht mehr exisitiert. Das klingt paradox, das soll es auch, aber ich denke, ich werde mich im weiteren Verlauf verständlich machen. Spricht man im Oktober 2002 über die Freie Kunst, so muss man - denke ich - unweigerlich über die Documenta 11 sprechen. Schließlich ist sie es, die seit 1955 den Anspruch hat, alle paar Jahre ein gewaltiges Panorama der Kunst zu errichten. Ein Panorama, das dem Kunst-Interessierten einen umfassenden Überblick bieten soll über Produktivität und Kreativität der Künstler aus aller Welt. Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über diese Mega-Kunst-Schau ist mir ein Wort aufgefallen, eher eine Wortschöpfung, die Thomas Wagner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelungen ist und wie folgt lautet: "westkunstmarktkompatibel". Ein tolles Wort. Ich möchte Ihnen den ganzen Absatz, aus dessen Zusammenhang ich dieses Wort gerissen habe, nicht vorenthalten. Schließlich ist es ein Resumée, das durchaus "die aktuelle Situation der Freien Kunst" beschreiben könnte, oder vielleicht sogar trefflich beschreibt: "Erfrischend brachte die Documenta Elemente unterschiedlicher Kulturen zur Kollision, versäumte es aber, sich der westlich dominierten Nivellierung des Ästhetischen entgegenzustemmen. Viele der Stimmen, die zu vernehmen waren, sprachen zwar von fernen Ereignissen und fremden Kulturen, von anderen Denkweisen und symbolischen Ordnungen, doch wie sie sprachen, blieb meist vertraut und westkunstmarktkompatibel." Da bemüht sich der Ausstellungsleiter, die "100 Tage Kunst" im nordhessischen Kassel als finalen Höhepunkt jahrelanger Diskussionsplattformen, die in verschiedenen Kontinenten geführt wurden, darzustellen, und dann das. "Es bleibt vertraut und westkunstmarktkompatibel." Und das, obwohl diese Documenta bereits im Vorfeld extrem politisiert, ja sogar kriminalisiert wurde. Spätestens seit Dieter Hildebrandts vorletzter "Scheibenwischer"-Sendung wissen wir, dass "im Vorfeld der Herr Rumsfeld sitzt". Da wundert es einen nicht, dass die Washington Post in der Ausstellung in Kassel "die tiefe Abscheu der globalen Linken für unser Land" sieht. Und dann versucht uns die deutsche Presse weiszumachen, dass ja der Ausstellungsleiter Okwui Enwezor selbst die Terroranschläge auf das World Trade Center zur "Abrechnung mit den Werten des Westens" erklärt hat. Was so eindeutig nicht stimmt. Denn die betreffende Passage im Katalogtext besteht aus mehreren Sätzen, die alle mit einem Fragezeichen am Ende versehen sind. Aber selbstverständlich muss man diese Fragen sehr ernst nehmen. Denn sie rücken die Kunst - und damit die Künstler - in den Fokus dieser Diskussion. Eine Diskussion, die mich irgendwie unangenehm berührt. Denn es drängt sich der Eindruck auf, dass der Künstler, der Avantgardist zumal, ein Krieger ist. Ein Krieger sein soll im globalen Kampf gegen das Unmenschliche, das Unethische. Der Kunst-Krieger soll nun der sein, der die scheinbar verloren gegangene Moral wieder erneuern soll, der sich einem "ehtischen Zwang" beugen soll, denn nur dann könne die Kunst wieder an Bedeutung gewinnen. Die Kunst als Motor, als Initiator, als Agitator einer neuen Gesellschaftsordnung? Wenn der Kunst eine zu große politische Bedeutung beigemessen wird, wenn sie überfrachtet wird mit den Krisen dieser Welt, wenn sie Problemlöser des sogenannten westlichen Systems sein soll, dann verliert sie Anfang und Ende, dann wird sie austauschbar, beliebig, vordergründig. Und so spricht mir Hanno Rauterberg von DIE ZEIT aus dem Herzen: "So endet unsere Reise nach Kassel mit dem mulmigen Gefühl, dass die Welt elend ist und unvollkommen. Darin hat uns die Kunst bestätigt. Bereichert hat sie uns nicht." Ein trostloseres Fazit kann man sich kaum denken. Sie bereichert uns nicht, die Kunst - aber, siehe oben, sie ist "westkunstmarktkompatibel". Daraus könnte man schließen, dass sie zu guter Letzt dann doch jemanden bereichert. Vielleicht die Galeristen, die nächste Woche auf der "Art Cologne" anzutreffen sind? Eine kleine Polemik, die ich jetzt durchaus im Raume stehen lassen will. Und doch birgt diese Trostlosigkeit, diese scheinbare, Chancen in sich. Chancen, die sich, wie ich meine, gut überschreiben lassen, mit dem zweiten Teil des Themas. Nämlich den "... sich daraus ergebende Konsequenzen für die Zukunft einer kunstpädagogischen Institution". Die kunstpädagogische Institution hat die Möglichkeiten der Förderung, der Freiraumschaffung, der Erkennung von Talent und Leidenschaft. Freies, schöpferisch-ästhetisches Gestalten und dessen jeweiliges Ergebnis ist immer diskussionsfähig und subjektiv - aus der Sicht des Künstlers. Und ebenso subjektiv aus der Sicht des Rezipienten. Letzendlich liegt es am Grad dessen Verständnisbereitschaft, wie er Gehalt und Bedeutung des Kunstwerkes einschätzt. Die theoretische Auseinandersetzung im kunsthistorischen und kunstphilosophischen Sinne halte ich deshalb für außerordentlich wichtig. Nur so kann der Kunststudent sein künstlerisches Tun einschätzen und eine eigene Orientierung finden. Konsequenz für eine kunstpädagogische Institution sollte aber auch sein, alle Gestaltungsmittel für freie, experimentelle Ausdrucksformen zu bieten. Staffelei, Farbe, Leinwand, Pinsel, Papier und Zeichenfeder reichen heute nicht mehr aus als Gestaltungsmittel. Film- und Videokamera, Schnittcomputer, Beamer und Software müssen heute ebenso bereitgehalten werden wie Ton, Gips und Silikon. Vorhandensein sollten aber auch die jeweiligen Lehrkräfte, die den Umgang mit diesen Materialien vermitteln. Lassen Sie mich nun zurückkommen auf die eingangs angesprochene Trennung zwischen Freier und angewandter Kunst. Denn das passt gut zu den gerade angesprochenen digital-technischen Gestaltungsmitteln. Noch nie gab es auf einer Documenta so viele Monitore und Großprojektionen wie in diesem Jahr. Was treibt die Künstler dazu, sich mit dem bewegten Bild auszudrücken? Der Wunsch nach Wirklichkeit, nach realer Präsenz? Oder ist es das Flexible, das Flüchtige? Das nicht festlegen wollen - müssen - auf ein greifbares Werk? Hier werden die Grenzen zwischen Freier und angewandter Kunst manchmal fließend. Denn in den angewandten Künsten - vor allem in den Bereichen Grafik-, Kommunikations- und Medien-Design ist die Film-, Video und DVD-Technik ein Gestaltungsmittel, das im letzten Jahrzehnt einen gewaltigen Vormarsch erlebte. Der rasante Wandel unserer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft zur Informationsgesellschaft - oder Mediengesellschaft - kann an der Anzahl der TV-Sender gemessen werden. Mittlerweile buhlen 27 nationale und 5 internationale Sender (ohne Pay-TV und Satellitenempfang aus ganz Europa) um die Gunst der Zuschauer, die durchschnittlich täglich 3,5 Stunden lang dieses Medium konsumieren. Hinzu kommt das Internet, das mit Animationssoftware und Videostreaming weitere bewegte Bilder in Haus leiten. Auch der Graphik-Designer und der Illustrator haben Zeichenbrett, Marker und Stift getauscht gegen Digi-Tablet, Maus und Monitor. Um diesen Entwicklungen gerecht zu werden, müssen kunstpädagogische Institutionen eine Verantwortung übernehmen, die nicht einfach ist. Kommt sie doch vermeintlich reaktionär, rückwärtsgewandt, daher. So könnte es nämlich ein junger Student empfinden, wenn er den Umgang mit Gestaltungsmitteln erlernen muss, von denen er glaubt, dass es sie gar nicht mehr gibt, bzw., dass er sie nicht mehr braucht. Aber nicht der Computer und die Bild- bzw. Videobearbeitungssoftware sind verantwortlich für gutes Design. Kopf und Bauch, Talent und Kreativität sind es, die gute Gestaltung abliefern. Und die beginnt immer noch mit dem Stift in der Hand vor einem weißen Blatt Papier. Deshalb steht die Vermittlung von Zeichentechniken, Farb- und Formenlehre, Typographie und konzeptionellem, zielgerichtetem Denken nach wie vor im Vordergrund einer Designer-Ausbildung. Aber selbstverständlich gleichberechtigt mit der Vermittlung von Kunst- und Designgeschichte, Zeichen- und Wahrnehmungstheorien sowie Medienentwicklung. Und natürlich der professionellen Anwendung der modernen, digital-elektronischen Arbeitsmittel. Nur in dieser Kombination wird der Designer es heute schaffen, seine Botschaften ästethisch so zu formulieren, dass sie die potentiellen Empfänger auch erreichen. Lassen Sie mich zum Schluss noch etwas sagen zu einem besonderen Bereich der angewandten Kunst, der bis hierher nicht zur Sprache kam, weil ich hier einigermaßen sprachlos bin: der Architektur. Jährliche Milliardeninvestitionen von privatwirtschaftlicher und öffentlicher Hand verschwinden scheinbar spurlos in Bereich des Gewöhnlichen, der Mittelmäßigkeit. Wenn ich über Land fahre und die vielen neuen Dächer im immergleichen terrakottaroten Ton sehe, dann fühle ich mich sehr stark an meine ersten Bauversuche mit dem Legobaukasten erinnert: quadratischer oder rechteckiger Grundriss, 30 - 45 Grad-Dach, ein, anderthalb oder zwei Stockwerke, ein- bis zweiflügelige Fenster. Fertig ist das Bauspartraumhaus. Das traurige. Ich glaube, dass hier ein Nachholbedarf vorhanden ist, der natürlich nicht durch die zwischen Bauvorschriften und Finanzierung verzweifelnden Bauherren abzuarbeiten ist, sondern nur durch die Architekten selbst. Wenn man aber weiß, dass in der neuen Pinakothek der Moderne in München im Bauhaus-Saal noch nicht einmal ein Bauhaus-Stuhl steht, dann läßt mich das sehr stark daran zweifeln, dass sich in den nächsten Jahrzehnten hier etwas ändern wird. Zurück |
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